Neurodiversität: ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter – Psychologische Diagnostik und Therapie

Was bedeutet Neurodiversität?
Neurodiversität beschreibt die Vielfalt neurologischer Entwicklungen und Denkweisen und umfasst dabei alle Variationen der Gehirnfunktionen über verschiedene neurologische Gruppen von Menschen hinweg. Im Konzept der Neurodiversität werden unter anderem Personen mit Autismus, ADHS, Dyskalkulie, Legasthenie, Dyspraxie, Tourette-Syndrom, bipolarer Störung und Hochbegabung zu den neurodivergenten Menschen gezählt. In einer immer komplexeren Welt bekommt auch die Vielfalt neurologischer Unterschiede bei uns Menschen einen immer höheren Stellenwert.
Zu den bekanntesten Themen, welche der Neurodiversität zugeordnet werden, gehören die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und die Autismus-Spektrum-Störungen (ASS)
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS oder ADS) beinhaltet Schwierigkeiten in der Aufmerksamkeit, Konzentration, Impulsivität und der Selbstregulation. In vielen Fällen kommt auch eine ausgeprägte körperliche Unruhe, bekannt als Hyperaktivität, hinzu. Diese Störung beginnt im Kindes- und Jugendalter und kann bis ins Erwachsenenalter andauern.
ADHS in der Kindheit
Kinder mit ADHS zeigen oft:
- Schwierigkeiten sich auf Aufgaben (z.B. Schule) oder Spiele zu konzentrieren- vor allem bei monotonen oder für sie langweiligen Tätigkeiten
- Schwierigkeiten in der Emotionsregulation (z.B. häufig Wutanfälle und wenig Strategien im Umgang mit negativen Gefühlen)
- Impulsives Verhalten (z.B. das Unterbrechen von Gesprächen oder „nicht abwarten können, bis man an der Reihe ist“)
- Übermäßige körperliche Aktivität, insbesondere in Situationen, in denen Stille oder Ruhe erwartet wird.
Diese Verhaltensweisen können im schulischen Umfeld zu Herausforderungen führen, etwa durch Leistungsprobleme oder Konflikte mit Gleichaltrigen.
ADHS im Erwachsenenalter
Während hyperaktive Symptome bei Erwachsenen oft abnehmen, bleiben Schwierigkeiten in der Organisation, dem Zeitmanagement und der Aufmerksamkeit bestehen. Betroffene kämpfen häufig mit beruflichen und sozialen Anforderungen. Dies kann zu Problemen in sozialen Beziehungen, zu häufigen Jobwechsel oder auch zu Depressionen führen.
Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ist eine komplexe Entwicklungsstörung, die sich auf die sozialen Interaktionen, die Kommunikation, die Emotionswahrnehmung und das Verhalten auswirkt. Die Symptome können sehr unterschiedlich sein und variieren stark in ihrer Intensität. Einige Menschen mit Autismus haben Schwierigkeiten in sozialen Interaktionen, da es ihnen schwer fällt die Emotionen anderer wahrzunehmen und einzuordnen und darauf zu reagieren. Einige haben auch spezielle Spezialinteressen. Es ist wichtig zu betonen, dass Autismus ein Spektrum ist und jeder Mensch mit Autismus einzigartige Stärken und Herausforderungen hat.
Autismus in der Kindheit
Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen zeigen typischerweise:
- Schwierigkeiten in den sozialen Interaktionen
- Schwierigkeiten nonverbale Signale wie Gesichtsausdrücke und Gefühle einzuordnen
- Erkennen von eigenen Gefühlen und die Gefühle der anderen
- Wiederholende Verhaltensweisen (z. B. Schaukeln, bestimmte Routinen)
- Ein intensives Interesse an spezifischen Themen oder Aktivitäten
Sie brauchen für ihre Entwicklung häufig in der Schule und in sozialen Gruppen Unterstützung in den Interaktionen.
Autismus im Erwachsenenalter
Viele Erwachsene mit Autismus, insbesondere solche mit einer späten Diagnose, berichten von Schwierigkeiten in sozialen Beziehungen und im Berufsleben. Gleichzeitig profitieren sie von klar strukturierten Umgebungen und können in spezialisierten Bereichen überragende Fähigkeiten entwickeln.
Klinisch-psychologische Diagnostik: Ein wichtiger erster Schritt
Die Diagnose von AD(H)S und Autismus erfolgt in der Regel durch Klinische Psycholog:innen und beinhaltet:
- Anamnesegesprächemit Betroffenen und ihren Bezugspersonen
- Verhaltensbeobachtungenin verschiedenen Kontexten
- Standardisierte und neuropsychologische Testverfahren, strukturierte Interviews und Interaktionsbeobachtungenund Fragebögen, die Symptome und Verhaltensmuster erfassen
Eine frühzeitige Diagnose ist entscheidend, um gezielte Unterstützung anzubieten. Gleichzeitig kann auch eine späte Diagnose, insbesondere im Erwachsenenalter, zu einem besseren Selbstverständnis und Zugang zu Hilfsangeboten führen.
Therapie und Unterstützung
A) ADHS-Therapiemöglichkeiten
Die Behandlung von ADHS kombiniert oft mehrere Ansätze und ist multimodal ausgerichtet:
- Verhaltenstherapie: Fördert Strategien zur Emotionsregulation, Aufmerksamkeitssteuerung, Konzentrationsfähigkeit, Ausdauer, Frustrationstoleranz und Organisation. Ressourcen werden aktiviert und genutzt. Stärkung des Selbstwertgefühls.
- Psychoedukation: Vermittlung von Wissen über ADHS an Betroffene und ihr Umfeld.
- Bei Kindern und Jugendlichen: Eltern-und familienzentrierte Behandlungsinterventionen
B) Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) und Therapiemöglichkeiten
Die Behandlung von Autismus zielt darauf ab, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern und ihre Fähigkeiten zu fördern. Es gibt eine Vielzahl von Therapieansätzen, die helfen können, die Symptome zu managen und die Entwicklung zu unterstützen. Ein wichtiger Aspekt der Behandlung ist die individuelle Anpassung an die Bedürfnisse des Einzelnen.
- Frühförderung: Unterstützt Kinder dabei, soziale und kommunikative Fähigkeiten zu entwickeln.
- Verhaltenstherapie: Hilft, herausfordernde Verhaltensweisen zu verändern und soziale und emotionale Fertigkeiten zu stärken.
- Ergotherapie: Fördert sensorische Integration und Alltagskompetenzen.
Weiterführende Literatur für Eltern, Pädagogen und Betroffene:
Für Kinder/ Jugendliche:
- Christina Kahrim (2024): ADHS bei Kindern im Grundschulalter.
- Döpfner Manfed (2019): Ratgeber ADHS. Hogrefe-Verlag
- Stefanie Rietzler (2023): Erfolgreich lernen mit ADHS und ADS: Praktischer Ratgeber für Eltern. Hogrefe- Verlag
ADHS im Erwachsenalter:
- Russell A. Barkley (2023): Das große Handbuch für Erwachsene mit ADHS. Hogrefe-Verlag.
Autismus bei Kindern und Jugendlichen:
- Janina Kitzerow (2017): Ratgeber Autismus-Spektrum-Störungen. Hogrefe- Verlag.
- Janina Friedrich (2023): ASS Autismus-Spektrum-Störung: Ein Ratgeber für Eltern, Therapeuten und Pädagogen. Schulz-Verlag
Autismus bei Erwachsenen:
- Ludger Tebartz van Elst ( 2021): Autismus-Spektrum-Störungen im Erwachsenenalter. Medizinische wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.